Aus der Sicht des traditionellen Marxismus legte Friedrich Engels die Fundamente einer marxistischen Philosophie, denen auch Marx zustimmte und fĂŒr sich beanspruchte. Die marxistische Philosophie als Teil eines Weltanschauungsmarxismus war aus dem BedĂŒrfnis entstanden, der Arbeiterklasse und den mit ihr sympathisierenden Intellektuellen eine sinnhafte Orientierung nach dem Wegfall traditioneller Glaubensinhalte zu verschaffen. Engels fokussierte sich in seiner marxistischen Philosophie vor allem auf die Fragen der (Natur-)Erkenntnis und der «Gesetze» des Denkens (Dialektik), die als die einzig wichtigen Problemkreise der Philosophie erschienen.
Durch die Marx-Aneignung, welche ab den spĂ€ten 1960er Jahren in Westdeutschland die Neue Marx-LektĂŒre und die Wert- bzw. Arbeitskritik betrieb, geriet jedoch die traditionell unterstellte Einheit zwischen Marx und Engels ins Wanken. So findet sich bei Marx auch eine Sichtweise der Natur, die ihre Wurzeln in der europĂ€ischen Romantik hat und die bei Engels fehlt. Und wĂ€hrend Engels stellenweise in einen mechanischen Materialismus zurĂŒckfĂ€llt, reflektiert Marx hĂ€ufig auf die soziale Bedingtheit von (Natur-)Erkenntnis und schlĂ€gt auch andere zentrale Themen der abendlĂ€ndischen Philosophie an. Marx konnte jedoch diese Inanspruchnahme der philosophischen Tradition, die unter dem Motto «Verwirklichung der Philosophie» stand, nicht durchschlagend nutzen, da sein VerhĂ€ltnis zur Philosophie von Beginn an ambivalent war. Einerseits zehrte er von den philosophischen Wurzeln seiner Theorie, andererseits verleugnete er sie, erklĂ€rte Philosophie gar zur bloĂen Ideologie.
Da Marx nach 1845 die Philosophie verdrĂ€ngte, ergeben sich mehrere Leerstellen seiner Theorie â insbesondere eine kritische Theorie des vergesellschafteten Menschen, der Natur und des Wissens. Diese Leerstellen sind durch eine Metatheorie der Kritik der politischen Ăkonomie aufzufĂŒllen, die zu einer Postphilosophie werden, da sie mit der bisherigen Philosophie brechen, die die Wirklichkeit zumeist nur bestĂ€tigte. Weil bei Marx eine Metatheorie seiner Kritik der politischen Ăkonomie nur fragmentarisch und weitgehend implizit vorliegt, konnte sich Engelsâ marxistische Philosophie mit ihrem Naturalismus und Szientifismus an ihre Stelle setzen.
Die Studie integriert mehrere unorthodoxe Lesarten zu einem neuen VerstĂ€ndnis von Philosophie innerhalb der Marxschen Theorie. Entgegen einer naturalistisch orientierten Grundlegung im Sinne Engels, aber auch entgegen einer verkĂŒrzten methodischen Rezeption innerhalb der Neuen Marx-LektĂŒre, wird Philosophie verstanden als Ressource von Vorstellungen eines guten Lebens fĂŒr alle leidensfĂ€higen Individuen.










