Nur wer seine politischen und moralischen Orientierungen am Anspruch der Geltung für alle misst, erkennt Einzelne gerade in ihrer Verschiedenheit an. Das ist die paradoxe emanzipative Pointe, die im Begriff des «Universalismus» bis heute liegt. Das Buch will sie plausibel machen, vergegenwärtigen und verteidigen. Das ist nicht leicht – denn jene helle, emanzipative Seite des Universalismus ist bloß seine halbe Wirklichkeit. Unterdrückung hat sich in der Moderne auf vielfältige Weise mit universalen Geltungsansprüchen verschworen. Mal sind es die Interessen der Wenigen, die sich universalistisch zum Allgemeinen aufplustern; mal ist es eine repressive gesellschaftliche Allgemeinheit, die ihre Anpassungszwänge im Universalismus moralisch verkleidet.
Manche linke Identitätspolitik verabschiedet den Universalismus darum lieber gleich ganz; sie partikularisiert Emanzipation zum Kampf um die Macht und Repräsentation unterdrückter Gruppen. Das aber passt den rechten Autoritären, die ihr Publikum mit offenem Hohn auf den Universalismus anzusprechen wissen, leider nur zu gut in den Kram. Am Universalismus im emanzipativen Sinn gegen rechten Hohn und linke Identitätspolitik festhalten, das hieße deshalb, seine Ambivalenz zwischen Herrschaftsanspruch und Emanzipation auszuhalten. Vonnöten wäre ein Balancedenken, das sich einüben lässt, wenn man sowohl die philosophische Ideengeschichte des Universalismus wie die der modernen Emanzipationsbewegungen als Ambivalenzgeschichte liest. Zu lernen wäre aus der Arbeiterbewegung, dem Antirassismus, dem Zionismus und dem Feminismus darum besonders dort, wo sie uneinig waren – wo sie es sich nicht leicht machten.
Universalistisches Denken, das es sich auch heute nicht leicht macht, weil es der eigenen Ambivalenz und damit der sozialen Wirklichkeit Rechnung trägt, das wäre nicht die souveräne Verlautbarung von «Standpunkten» und seien es die allerrichtigsten. Es wäre mehrstimmig, unabgeschlossen, suchend-versuchend und genau deshalb offen für die Erfahrung Anderer. Es wäre unsouverän. Bei der unsouveränen Universalistin sind die Emanzipationsinteressen erheblich besser aufgehoben als bei der allzu souveränen Platzanweiserin von Sprechorten und Identitäten.










